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Mittwoch, 26. Juli 2017

durch die nacht





durch die nacht
von der dachterrasse schwebt
ein spitzentüchlein




(through the night / from the roof terrace / a little lace cloth)

Rosemarie Schuldes




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © marion posch / pixelio.de



Dienstag, 25. Juli 2017

Ankunft im Flachland





Ankunft im Flachland
die Landschaft nun
von Wolken bestimmt




(Arrival in lowland / the landscape now / determined of clouds)

Gérard Krebs




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Ankunft

So sind die Fernen überschritten,
Die langen Meilen hinter mir;
Das bittre Leid, es ist erlitten,
Und wieder nahe bin ich dir.
Mich trug der Sehnsucht Adlerflügel
Weit, weit voran dem säum'gen Roß,
Bis unter'm Burgruinenhügel
Ich dich in meine Arme schloß.

Der Himmel glüht in sanfter Röthe,
Im Flammengold ein ferner Teich,
Den Wald durchtönt die Hirtenflöte,
Mir aber winkt ein Königreich.
Mir strahlen deiner Augen Sterne,
Mir blüht der Wangen holdes Roth,
Vergessen ist das Leid der Ferne,
Und ich bin dein bis in den Tod.

Ludwig Bechstein (1801-1860)
Aus der Sammlung Wanderbuch und Wanderbilder




Montag, 24. Juli 2017

wabernde Hitze





wabernde Hitze
auf der Veranda schaukelt
ein einsamer Stuhl




(waddling heat / swaying on the porch / a lonely chair)

Silvia Kempen




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Foto: © Rainer Sturm / pixelio.de




Sonntag, 23. Juli 2017

erstes Treffen





erstes Treffen
über uns
der Regenbogen




(first date / above of us / the rainbow)

Cezar-Florin Ciobîcă




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Der Regenbogen

Wenn die Regenwolken sind verflogen,
Und die Sonne über Tränen lacht,
O dann spannt der Herr den Friedensbogen,
Der mein Herz so fest und freudig macht;
Denn er stehet überm Erdenvolke
Als Jehovas ewig treue Wacht,
Und so oft wir sehn ihn in der Wolke,
Hat der Herr an seinen Bund gedacht.

Er gedenkt der Ärmsten seiner Armen,
Deren Herzens Dichten nimmer recht,
Und er flieht mit herzlichem Erbarmen,
Was wir für ein elendes Gemächt.
Er gedenket, dass wir sind verführet,
Unter Feindeshand verkaufet auch,
Und er spähet, ob er irgend spüret
Eines Noahherzens Opferrauch.

Sei gegrüßet mir, o Bundeszeichen,
Das mit sagt: Ich bleibe, der ich bin!
Und die Erdenhügel fallen hin,
Doch der alte Gott, der ewig treue,
Der durch Gnaden führet es hinaus,
Und der nimmermehr in Zorn und Reue
Mit dem Menschen machet es gar aus.

Ich gedenke, wenn ich dich erblicke
Zwischen Erd‘ und Himmel ausgespannt:
Dieser Bogen war Jehovas Brücke,
Durch Jahrhunderte das letzte Band,
Darauf seine tausend Boten schritten,
Mit der Hoffnung Trost zu uns gesandt,
Bis auf diesem Weg in unsrer Mitten
Die Erfüllung überherrlich stand.

Wenn die Wetterwolken sind verflogen,
Und die Sonne über Tränen lacht –
Sei gegrüßet mir, o Regenbogen!
Denn es leuchtet mir in deiner Pracht,
Die in allen Farben glänzt und gleißet,
Gottes vielgestaltet‘ Wesensbild,
Der wohl heilig, stark und strenge heißet,
Aber Liebe auch und Langmut mild.


Johannes Dose (1860-1933)
Aus der Sammlung Heimatlieder. Geistliche Gedichte

Samstag, 22. Juli 2017

leise Musik





leise Musik
Margeriten strahlen
den Vollmond an






(quiet music / marguerites illuminate / the full moon)

Ruth Karoline Mieger




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Ruth Karoline Mieger




Freitag, 21. Juli 2017

big heat





big heat –
even the clock 
has stopped working




(große Hitze – / sogar die Uhr / geht nicht mehr)

Ana Drobot (Romania)




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Die Uhr

Die Uhr kann laufen wie sie will,
Ich sehe zu und lächle still.

Nur eine Stund dann und wann
Hielt ich mal gern den Zeiger an;

Und weiß genau: wenn ich's probier,
Zwei kleine Hände helfen mir.

Rudolf Presber (1868-1935)
Aus der Sammlung In Sturm und Stille





Donnerstag, 20. Juli 2017

Großsteingrab





Großsteingrab –
wie der Mohn sich neigt
nach dem Regen




( megalithic tomb / how the poppies incline / after the rain )

Ramona Linke




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Foto: © Gabriela Neumeier / pixelio.de




Mittwoch, 19. Juli 2017

evening glow







evening glow 
a single fish – 
yet in a golden net*





(Abendlicht / ein einziger Fisch – aber / im goldenen Netz)

Angelica Seithe




*(Erstveröffentlichung: Mainichi 17.12.2015) 
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Ein zartes Netz, aus Perl und Gold gereihet

CLXXXI.

Ein zartes Netz, aus Perl und Gold gereihet,
Spannt Amor in die Gräser unter Zweigen,
Die, immergrün, mein Sehnen sind, mein Neigen,
Obwohl ihr Schatten mehr betrübt, als freuet.

Köder war Same, den er ausgestreuet
Und mähet, Lust und Bangen zu erzeugen;
So holder Laut, wie ich ihn hörte steigen,
Hat nie seit Adams Schöpfung sich erneuet.

Rings funkelte das Licht, vor dem die Sonne
Sich birgt; das Seil war um die Hand geschlungen,
Von der an Glanz der Schnee wird übertroffen.

So fiel ich in das Netz, umstrickt von Wonne,
Von süßen Weisen, wie von Engelszungen,
Von Wohlgefallen, Wunsch und frohem Hoffen.

Francesco Petrarca (1304-1374)
Aus der Sammlung Aus dem Canzoniere, Teil I



Dienstag, 18. Juli 2017

Pusteblumenwiese





Pusteblumenwiese
Seit vier Wochen
ohne Führerschein






(Blowball meadow / Four weeks ago/ loss of driver's license)

Chris David




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Chris David




Montag, 17. Juli 2017

tagebuch





tagebuch
so viele seiten
leer





(diary / so many pages / empty)

Sonja Raab




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Tagebuch

Diese losen Blätter hier
Sind so leer geblieben!
Alles Schönste fühlen wir —
Drum bleibt's ungeschrieben.

An jedem neuen frischen Tag
Fühl' ich mein Glück stets voller reifen
Und wie man anders leben mag,
Ich kann es nimmermehr begreifen!

Was der Himmel Gutes gibt,
Gibt er mir durch sie —
Nein, so ward ich nie geliebt,
Und so liebt' ich nie!

Aus der Sammlung Aus der Jugend




Sonntag, 16. Juli 2017

Sankt Stephan in Mainz





Sankt Stephan in Mainz
die Stille
von Blau





(St. Stephan in Mainz / the silence / of blue)

Marita Bagdahn




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Dieter Schütz / pixelio.de




Samstag, 15. Juli 2017

Sirtaki






- Sirtaki -
in meinen Armen
die Rosen von Rhodos




(- sirtaki - / in my arms / the roses of Rhodes)

Gerd Börner




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Von den heimlichen Rosen

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn -
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Du brichst hinein mit rauhen Sinnen,
als wie ein Wind in einen Wald -
und wie ein Duft wehst du von hinnen,
dir selbst verwandelte Gestalt.

Oh, wer um alle Rosen wüsste,
die rings in stillen Gärten stehn -
oh, wer um alle wüsste, müsste
wie im Rausch durchs Leben gehn.

Aus der Sammlung Ein Sommer




Freitag, 14. Juli 2017

verschwendendes Rot





verschwendendes Rot
im Ährenfeld
eine andere Stille






(wasting red / in the grain field / another silence)

Ilse Jacobson




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © knipseline / pixelio.de




Donnerstag, 13. Juli 2017

eine Meinung





eine Meinung
trifft auf eine andere
im Friseurspiegel




(an opinion / meets another / in the hairdressing mirror)

Friedrich Kelben




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Spiegel

Wie viele Bilder sind in dir gefangen,
Du hoher, alter, goldgerahmter Spiegel.
Wie viele Lächeln blieben in dir hangen.
Wie viele Eitelkeiten schweigt dein Siegel.

O tausend Blicke, die in dir versunken.
O Hände, Leiber! die in dir verborgen.
O all die Ängste, die du eingetrunken
Von schönen Frauen, die sich alternd sorgen.

Ich ahne dich ganz angefüllt mit Dingen.
Ich fürchte oft, dein Glas müsse zerspringen
Vom ewigen Verhalten deiner Träume.
- Doch du bist tiefer als die tiefsten Räume.

Francisca Stoecklin (1894-1931)




Mittwoch, 12. Juli 2017

ihren Widerhall





ihren Widerhall
schwer in die Berge gedrückt
Gewitterwolken




(their reverb / pressed hard in the mountains / rolling thunderheads)

Beate Conrad




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Foto: © ErdeundMeer / pixelio.de




Dienstag, 11. Juli 2017

am straßenrand





am straßenrand
der mann mit dem weißen stock
ganz ohr






(beside the road / the man with the white cane / all ears)

René Possél




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Horch!

Das Haupt im Gras,
Du hörest, was?
Geschwätz, Gesums; von wo? von wem?
Vom Imlein? – träumend horche dem!

Karl Mayer (1786–1870)
Aus der Sammlung Frühlingspreis



Montag, 10. Juli 2017

ausgebleichte Stadt





ausgebleichte Stadt -
Hundegebell hetzt
durch die Straßen





(faded town - / barking of dogs chases / along streets)

Claudia Brefeld




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Foto: © Peter Smola / pixelio.de




Sonntag, 9. Juli 2017

zugfahrt steiermark






zugfahrt steiermark
im ipod türmt mahler
berge auf







(train travel to styria / in the ipod mahler piles up / mountains)

Peter Wißmann




(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Die Berge

Es gibt drei Arten Berge:
Der Erde Berge, Berge
Der Luft und Himmelsberge.

Der Erde heitre Berge
Erheben sich nur wenig,
Gleich Wogen oder Domen,
Auf meilenweiten Ebnen.
Sanft, unbemerkbar heben
Sie sich empor; man sieht es,
Daß ungern sie der Ebne
Und ihren stillen Reizen
Entsagen; auch behalten
Der Ebne klare Quellen,
Der Ebne dichte Büsche,
Die Vögel sie der Ebne,
Ja oft selbst ihre Hütten,
Und prangen im Gewande,
Worein Natur sie hüllet:
In holdem, heiterm Grüne
Erscheinen einzeln oder
In Reih'n sie unsern Blicken,

Nicht so die stolzen Berge
Der Luft. Wie Riesen stehen
In mächtiger Entfernung
Sie steil und schroff vor unserm
Erstaunten Aug'. Es badet
In tiefen Seeen, oder
Es senket sich in Sümpfe
Ihr Fuß, um uns den Zutritt
Zu ihnen zu versperren.
Zwar decket bis zur Hälfte,
Oft höher noch, der Fichte
Und Tanne dunkles Grün sie;
Doch stolz und Erd-verachtend
Umhüllt die theuren Söhne
Die Luft mit ihrem Mantel,
Und so erscheinen uns denn
Sie nicht mehr grün, erscheinen
Uns blau, wie Ihre Mutter.

Die Himmelsberg' erheben
Geheimnißvoll in's Reich sich
Der Wolken und berühren
Des Himmels heil'ge Schwelle.
Sie sind das Band, das Menschen
Und Gott vereinet. Höchstens
Trägt noch ihr Fuß die Spuren
Des Irdischen. Selbst aber
Sind sie in blendendweißen,
Flecklosen Schnee gekleidet,
Auf den die Morgenröthen,
Auf den die Abendröthen
Den ganzen Reichthum ihrer
Prachtvollen Farben strömen.

Elisabeth Kulmann (1808-1825)