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Freitag, 31. Januar 2014

krähen




krähen
am kahlen baum
krächzende früchte




(crows / on the bare-branched tree / croaking fruits)

René Possél




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Vereinsamt 

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, -
Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt - ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schein, -
Weh dem, der keine Heimat hat!







Donnerstag, 30. Januar 2014

lichtgraue Nebel




lichtgraue Nebel
die Landschaft in uns
auf Seide gemalt




(light fog / the landscape in us / painted on silk)

Angelica Seithe 



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Seide

Die dünnste Naturfaser wärmt bei Kälte und kühlt bei Wärme. Sie wird aus den Puppen eines Nachtfalters gewonnen, dem Seidenspinner oder Maulbeerspinner (Bombyx mori) aus der Familie der Echten Spinner(Bombycidae). Ursprünglich ist diese Falterart in China beheimatet.

Der Seidenspinner wird 32 bis 38 Millimeter breit, seine Grundfarbe ist mehlweiß oder perlgrau mit gelbbraunen Querstreifen auf den Flügeln. Seine Fühler (Antennen) sind  schwärzlich gekämmt. Das Weibchen legt ca. 400 Eier und stirbt dann. Aus den befruchteten Eiern schlüpfen nach dem Überwintern seine Larven, die Seidenraupen. Sie ernähren sich ausschließlich von Blättern des Weißen Maulbeerbaums, häutet sich viermal und ist 30 bis 35 Tage nach dem Schlüpfen spinnreif.

Die feinen Spinndrüsen der Seidenraupen sondern Proteine ab, die an der Luft erhärten. So entsteht ein Seidenfaden, mit dem sich die Larven vollkommen in einen Kokon einspinnen. Der seidene Schmetterlingskokon dient dem Menschen als Rohstoff für die Herstellung von Naturseide. Dazu werden die Kokons in heißes Wasser geworfen und der ca. 1 km lange Faden wird abgewickelt. Übrig bleibt die abgetötete Puppe, die für die Menschen in China und den umliegenden Ländern, geröstet und gebraten, eine Delikatesse ist.

Wirtschaftlich bedeutende Seidenraupenzuchten findet man heute in Japan, Indien, Brasilien, China und Korea.



Mittwoch, 29. Januar 2014

Allein im Mondschein






Allein im Mondschein
noch leis singend übers Eis
Kindertotenlied





(Alone in the moonlight / still singing across the ice / Kindertotenlied)*


Beate Conrad



* Songs on the Death of Children, a collection of about 400 poems by Friedrich Rückert, a German poet. Also a song cycle of five of Rückert's poems selected and set to music by Gustav Mahler, an Austrian composer. 

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Kindertotenlieder

Im Dezember 1833 waren alle 6 Kinder Friedrich Rückerts (1788 - 1866), einem deutschen Dichter, an Scharlach erkrankt. Am 31. Dezember 1833 starb Rückerts jüngstes Kind, die einzige Tochter Luise (* 25. Juni 1830). Am 16. Januar 1834 starb Rückerts Sohn Ernst (* 4. Januar 1829). Die anderen vier Kinder erholten sich von der Krankheit.
Unter dem Eindruck des Todes seiner Kinder schrieb er 428 Gedichte, die er als "Kindertodtenlieder" bezeichnete.
Gustav Mahler (1860 - 1911), ein österreichischer Komponist, vertonte 1901 drei Gedichte Rückerts und 1904 zwei weitere und schuf den Zyklus der Kindertotenlieder. Dadurch erlangten Rückerts Gedichte einen höheren Bekannheitsgrad.
Unter der Leitung Mahlers wurden die Kindertotenlieder am 29. Januar 1905 in Wien uraufgeführt.
Nachfolgend der Text des ersten Kindertotenliedes. 


Nun will die Sonn' so hell aufgehn,
Als sei kein Unglück die Nacht geschehn!
Das Unglück geschah nur mir allein!
Die Sonne, sie scheinet allgemein!
Du mußt nicht die Nacht in dir verschränken,
Mußt sie ins ew'ge Licht versenken!
Ein Lämplein verlosch in meinem Zelt!
Heil sei dem Freudenlicht der Welt!

Friedrich Rückert




Dienstag, 28. Januar 2014

neuschnee übernacht




neuschnee übernacht
weggeschaufelt
die morgenstille



(new snow overnight / scraped away / the daybreak silence)

Sylvia Bacher




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Bild: © Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / pixelio.de

Montag, 27. Januar 2014

Bucurie umbrită





Bucurie umbrită –
cu zăpadă de vată
bradul din pădure




(Subdued joy - / cotton snow on / forest trees)
(Gedämpfte Freude - / Schneewatte auf den / Bäumen des Waldes)*

Laura Vaceanu 



(* Übersetzung: Klaus-Dieter Wirth)

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Sonntag, 26. Januar 2014

Große Schlitterfahrt





Große Schlitterfahrt ...
und ob sie sich prächtig ver–
stehen, die Krähen.




(Grand slide rides ... / and how splendidly they are / getting along, crows.)

Beate Conrad



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Die Farben der Krähe – Eine moderne Fabel. © P. Warmann

[... Dann griff auch die Krähe zum Pinsel. Sorgfältig, Strich für Strich, malte sie ihre Muster, in metallischen Tönen von Blau und Grün mit feinsten Konturen in Silber, Muster, die ineinander verwobenen waren, sich wiederholten und sich doch bei jeder Wiederholung wandelten. Nie hat die Welt einen schöneren Vogel gesehen. ...]



Samstag, 25. Januar 2014

erster Schnee





erster Schnee -
die übermütigen Sprünge
des Fohlens



(first snow - / the boisterous  leaps / of a foal)

Silvia Kempen



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Sprichwörter

Das Pferd wirft nur ein Fohlen, aber es gilt mehr als 10 Hasen.
Das Pferd springt nur so hoch wie es muß.
Auch wenn das Fohlen im Schweinestall geboren ist, wird es kein Schwein.
Die wildesten Fohlen werden die besten Pferde
Das Denken soll man den Pferden überlassen, sie haben die größeren Köpfe.
Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.



Freitag, 24. Januar 2014

auf dem bauerntisch





auf dem bauerntisch
ein schachbrett – vertieft ins spiel
zwei kleine mädchen




(on the farmer's table / a chessboard - deep in the game / two little girls)

Traude Veran



(Übersetzung: Heike Gewi)

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Weizenkornlegende

„Diese Legende stammt aus dem Buch „Die goldenen Wiesen und Edelsteingruben“ des in Bagdad geborenen Historikers, Philosophen und Geografen Abu al-Hasan Ali ibn al-Husayn al-Mas’ūdi (†956 Fustat, Ägypten).

Ein indischer König brachte durch Hochmut und Tyrannei das Volk gegen sich auf. Da erschien der Brahmane Sissa, der das Schachspiel erfand, um dem König vor Augen zu führen, dass nur das Gemeinsame dem Wohl des Landes dient und der Herrscher ohne den Beistand der Untertanen schutzlos dem Feind ausgeliefert ist.
Der König stellte dem Brahmanen einen Wunsch frei und war fast erzürnt, als sich der heilige Mann ein Weizenkorn auf dem ersten Feld des Brettes, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, und so fort wünschte. Er wollte nur die Gesamtzahl der Körner als Lohn bekommen. Nun, der König durfte den Wunsch nicht abschlagen und wies seinen Verwalter an, sofort den nötigen Weizen aus der Kornkammer holen zu lassen.

Seine Erzürnung über die große Bescheidenheit des Brahmanen wich Erstaunen und dann Entsetzen, da der König bald einsah, dass alles Korn aller Ernten seines Lebens nicht ausreichen würde, um den Wunsch des weisen Mannes zu erfüllen. Verlangt war die astronomische Zahl von 18 446 744 073 709 551 615 Körnern Weizen, das sind 18,5 Trillionen, eine Zahl, die unsere Vorstellungskraft sprengt.
  


Donnerstag, 23. Januar 2014

frostiges Schweigen




frostiges Schweigen
nah am Feuerkorb
die Entwurzelten




(frosty silence / close to the fire-basket / disrooted people)



Gabriele Hartmann



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Bild: © Gabriele Hartmann





Mittwoch, 22. Januar 2014

leuchtende Sterne





leuchtende Sterne
jeder
für sich allein




(luminous stars / each / on its own)

Eva Limbach 



(Übersetzung: Silvia Kempen)

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Einstein und die Kraft des leeren Raums

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wie ist der Kosmos beschaffen? Diese Fragen beschäftigen die Menschen seit Jahrtausenden.




Dienstag, 21. Januar 2014

Über Firnfelder





Über Firnfelder – 
der Schrei des Raben 
erinnert mich 
an mich




(across patches of snow- / a raven’s cry / reminds me / of me)

Wolfgang Beutke 




(Erstveröffentlichung: Chrysanthemum Nr. 1, 2007) 

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Bild: © Oliver Richter



Montag, 20. Januar 2014

weiter bergan




weiter bergan
kurz verdeckt das flurkreuz
die wintersonne



(going uphill / a wayside cross covers / the winter sun)

Anna Marie Neubert



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Bild: © Petra Dirscherl / pixelio.de




Sonntag, 19. Januar 2014

Knirschen und Knarzen





Knirschen und Knarzen 
hinter uns erzählen
zwei Engel im Schnee




(crunching and creaking / behind us / two snow angels tell)

Ralf Bröker





(Erstveröffentlichung: World Haiku Review Januar 2009)

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Die Schutzengel unseres Lebens
fliegen manchmal so hoch,
dass wir sie nicht mehr sehen können,
doch sie verlieren uns
niemals aus den Augen.


Jean Paul Richter






Samstag, 18. Januar 2014

After the concert




After the concert
the family wipes the snow
from the car windows.




(Nach dem Konzert — / die Familie wischt den Schnee / von den Autofenstern.)

Horst Ludwig



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Bild: © Harald-KU / pixelio.de




Freitag, 17. Januar 2014

fourth day of






fourth day of
the visit to my daughter
first silence





(vierter tag vom / besuch bei meiner tochter / erstes schweigen)

René Possél




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Vor einem Winter

Ich mach ein Lied aus Stille
Und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille
Geht ein in mein Gedicht.

Der See und die Libelle.
Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle.
Der Herbstgeruch von Brot.

Der Bäume Tod und Träne.
Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne.
Was es auch immer sei,

Das über uns die Räume
Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume
In einer finstren Nacht.

Ich mach ein Lied aus Stille.
Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter.
Und so vergeh ich nicht.
(aus: Strittmatter, Eva: Ich mach ein Lied aus Stille, 1973. In: Sämtliche Gedichte. Berlin 2006)


Donnerstag, 16. Januar 2014

durchwachte Nacht





durchwachte Nacht ...
zwischen dunklem Geäst
Splitter vom Himmel




(sleepless night ... / among dark branches / shards of heaven)

Andrea D'Alessandro




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Foto: © Sweder van Rencin / pixelio.de




Mittwoch, 15. Januar 2014

eisiger Wind




eisiger Wind
die hellen Klänge
einer Harfe


 
(icy wind / the lucid sounds / of a harp)


Silvia Kempen




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Liebeslied

Ich bin eine Harfe
Mit goldenen Saiten,
Auf einsamem Gipfel
Über die Fluren
Erhöht.

Du lass die Finger leise
Und sanft darübergleiten,
Und Melodien werden
Aufraunen und aufrauschen,
Wie nie noch Menschen hörten.
Das wird ein heilig Klingen
Über den Landen sein.

Ich bin eine Harfe
Mit goldenen Saiten,
Auf einsamem Gipfel
Über die Fluren
Erhöht,
Und harre Deiner,
Oh Priesterin!
Dass meine Geheimnisse
Aus mir brechen

Und meine Tiefen
Zu reden beginnen
Und wie ein Mantel
Meine Töne
Um Dich fallen -
Ein Purpurmantel
Der Unsterblichkeit.




Dienstag, 14. Januar 2014

trüber Tag




trüber Tag –
ich folge dem Rat
meiner Katze



(gloomy day / I take the advice / of my cat)

Gerda Förster



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Bild: © Gerda Förster






Montag, 13. Januar 2014

Holzscheite




Holzscheite
Der Heißhunger
des Winters




(logs of wood / the munchies / of winter)

Hans-Jürgen Göhrung 




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Altes Kaminstück

Draußen ziehen weiße Flocken
Durch die Nacht, der Sturm ist laut;
Hier im Stübchen ist es trocken,
Warm und einsam, stillvertraut.

Sinnend sitz ich auf dem Sessel,
An dem knisternden Kamin,
Kochend summt der Wasserkessel
Längst verklungne Melodien.

Und ein Kätzchen sitzt daneben,
Wärmt die Pfötchen an der Glut;
Und die Flammen schweben, weben,
Wundersam wird mir zu Mut.

Dämmernd kommt heraufgestiegen
Manche längst vergessne Zeit,
Wie mit bunten Maskenzügen
Und verblichner Herrlichkeit.

Schöne Frauen, mit kluger Miene,
Winken süßgeheimnisvoll,
Und dazwischen Harlekine
Springen, lachen, lustigtoll.

Ferne grüßen Marmorgötter,
Traumhaft neben ihnen stehn
Märchenblumen, deren Blätter
In dem Mondenlichte wehn.

Wackelnd kommt herbeigeschwommen
Manches alte Zauberschloss;
Hintendrein geritten kommen
Blanke Ritter, Knappentross.

Und das alles zieht vorüber,
Schattenhastig übereilt -
Ach! da kocht der Kessel über,
Und das nasse Kätzchen heult.

Heinrich Heine (1797-1856)




Sonntag, 12. Januar 2014

jenseits der Wolken





jenseits der Wolken ──  
öffne mich dem Winterlicht





(beyond the clouds ── / open myself to the winter light)
Helga Stania



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 Bild: © Helga Stania




Samstag, 11. Januar 2014

An der Weggabelung





An der Weggabelung -
Wir folgen dem Duft
der Zaubernuss *




(At a fork / must follow the scent / of witch hazel) **


Klemens Antusch




  * Erstveröffentlichung: Haiku heute, Ausgabe März 2013
** Erstveröffentlichung: ASAHI HAIKUIST NETWORK, 15. März 2013

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Bild: © Dr. Detlef Reich, Bonn



Zaubernuss

Wer kennt sie nicht, die etwas anderen Zaubernüsse im Märchen "Drei Nüsse für Aschenputtel (Aschenbrödel)".



Freitag, 10. Januar 2014

the old calendar




the old calendar
tossed into the brazier
smells of last year




(den alten Kalender / ins Kohlebecken geworfen / riecht nach altem Jahr)
 
Angelee Deodhar



(Übersetzung in deutsch: Andreas Brauers)
 
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Kain-Kalender 1912 

Januar: Das Jahr beginnt um Mitternacht,
wenn Luft und Land vor Kälte kracht.
Der Mensch grüßt froh den Neujahrstag
und ahnt doch nicht, was kommen mag.

Februar: Der Sturm zerbricht den kahlen Ast.
Auf tobendem Meere birst der Mast.
Eis treibt zum Meer, Schnee stürzt zu Tal.
Die Menschen feiern Karneval.

März: Die Welt erwacht aus Wintersnot.
Wild kämpft das Leben mit dem Tod.
Im Freiheitssehnen schwillt das Herz.
Der Mensch erfleht sein Heil vom März.

April: Heut Regen, Wind und Hagelschlag
und morgen strahlender Sonnentag.
Der Menschheit Schicksal muß geschehn
Durch Kreuzigung und Auferstehn.

Mai: Zur Paarung drängt's die Kreatur
und neuer Samen schwängert die Flur.
Verkündend schwebt der heilige Geist
zum Menschen, der dies Liebe heißt.

Juni: Das Licht der langen Tage glänzt
auf grüne Lande bunt bekränzt.
Im warmen Sonnenschein gerät,
was für den Herrn der Knecht gesät.

Juli: Die Luft liegt glühend überm Land.
Dumpf gähnt der Himmel im Sonnenbrand.
Die Berge und die Wasser ruhn, -
der Mensch muß seine Arbeit tun.

August: Gewölk reißt donnernd und zündend entzwei.
Gelähmte Lüfte atmen frei.
Sternschnuppen fahren den Himmel entlang.
Der Herr der Erde nur seufzt im Zwang.

September: Der Boden saugt neuen Regen ein.
Die Saat trägt Früchte. Es reift der Wein.
Was weise Allmacht den Menschen gab,
der Reiche nimmt es dem Armen ab.

Oktober: Der Herbst folgt der Natur Gebot.
Die Blätter färben sich gelb und rot.
Die Vögel fliehen mittagwärts.
Den Menschen faßt ein Abschiedsschmerz.

November: Der Sturm entlaubt den Wald und gellt.
Das Meer braust auf, das Schiff zerschellt.
Den Armen beugt die Sorgenlast,
der Hunger kommt bei ihm zu Gast.

Dezember: Die Erde kleidet sich in Schnee.
Die ganze Welt ist kalt und weh.
Vor Gott sind alle Menschen gleich.
Sie träumen vom ewigen Friedensreich.


Erich Mühsam (1878 - 1934) 



Donnerstag, 9. Januar 2014

bunter ballon




bunter ballon
über eisstarre felder
jagt sein schatten




(colorful balloon / across frozen fields / its chasing shadow)

Traude Veran





(Übersetzung: Heike Gewi) 
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Bild: © berwis / pixelio.de




Mittwoch, 8. Januar 2014

Schalom




Schalom
zwischen gestern und morgen
das Schweigen der Zeit





 (Shalom / between yesterday and tomorrow / the silence of time)

Ilse Jacobson



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Schalom ist der hebräische Begriff für Frieden. Aber die ursprüngliche Bedeutung geht über das bloße Wort "Frieden" hinaus, es bedeutet nicht nur Sicherheit und Ruhe, sondern auch Gesundheit und Freude. Es ist Zufriedenheit, nicht der Zustand, sondern der Weg dahin.
Nelly Sachs beschrieb "Schalom" als
[... Eine Schmetterlingszone der Träume / wie einen Sonnenschirm / der Wahrheit vorgehalten. ...]


Nelly Sachs (1891-1970): “So weit”

SO WEIT ins Freie gebettet
im Schlaf
Landsflüchtig
mit dem schweren Gepäck der Liebe.


Eine Schmetterlingszone der Träume
wie einen Sonnenschirm
der Wahrheit vorgehalten.


Nacht
Nacht
Schlafgewand Leib
streckt seine Leere
während der Raum davonwächst
vom Staub ohne Gesang.


Meer
mit weissagenden Gischtzungen
rollt
über das Todeslaken
bis Sonne wieder sät
den Strahlenschmerz der Sekunde.




Dienstag, 7. Januar 2014

freies Feld




freies Feld
mit einer Stimme
der Wind und ich


 
(open area / with one voice / the wind and I)

Gabriele Hartmann



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 Bild: © Gabriele Hartmann



Montag, 6. Januar 2014

Dreikönigstag




Dreikönigstag –
der Klang des Meeres
eingefroren
*
  

(Epiphany -- / the sound of sea / deep frozen) **

Gesine Becker

 
 

 * Erstveröffentlichung: Haiku heute 02-2009
** Erstveröffentlichung: Mainichi 02-2010

  
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Das Evangelium nach Matthäus, Kapitel, 1 - 12
Die Huldigung der Sterndeuter

Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.
Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden solle. Sie antworteten ihm: In Betlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten:
Du, Betlehem im Gebiet von Juda, / bist keineswegs die unbedeutendste / unter den führenden Städten von Juda; / denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, / der Hirt meines Volkes Israel.      
Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war. Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige.
Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.
Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.