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Freitag, 20. April 2018

Kirschblüte





Kirschblüte
aufs Neue glauben
was er verspricht





(cherry blossom / believing again / what he promises)

 Elèonore Nickolay



(Erstveröffentlichung: Haiku heute, Ausgabe April 2016)
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Kirschblüte bei der Nacht

Ich sahe mit betrachtendem Gemüte
Jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte,
In kühler Nacht beim Mondenschein;
Ich glaubt', es könne nichts von größrer Weiße sein.
Es schien, ob wär ein Schnee gefallen.
Ein jeder, auch der kleinste Ast
Trug gleichsam eine rechte Last
Von zierlich-weißen runden Ballen.
Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt,
Indem daselbst des Mondes sanftes Licht
Selbst durch die zarten Blätter bricht,
Sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.
Unmöglich, dacht ich, kann auf Erden
Was Weißers aufgefunden werden.

Indem ich nun bald hin, bald her
Im Schatten dieses Baumes gehe,
Sah ich von ungefähr
Durch alle Blumen in die Höhe
Und ward noch einen weißern Schein,
Der tausendmal so weiß, der tausendmal so klar,
Fast halb darob erstaunt, gewahr.

Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein
Bei diesem weißen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht
Von einem hellen Stern ein weißes Licht,
Das mir recht in die Seele strahlte.

Wie sehr ich mich an Gott im Irdischen ergetze,
Dacht ich, hat Er dennoch weit größre Schätze.
Die größte Schönheit dieser Erden
Kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.

Barthold Heinrich Brockes (1680-1747)
 
 
 
 
 

Donnerstag, 19. April 2018

Veilchen blühen





Veilchen blühen
auf dem Trockenplatz
Düfte falten





(violets are blooming / fold scents / on the drying place)

Ruth Karoline Mieger



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Foto: © Ruth Karoline Mieger




Mittwoch, 18. April 2018

knisternder Kandis





knisternder Kandis
wir lassen unser Gespräch
noch etwas ziehen





(crackling rock sugar / we let our chat steep / a little longer)

Gabriele Hartmann



 
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TEE

Fünf-Uhr-Tee. Eine Dame, ein Herr,
eine Dame, ein Herr - es klappt.
Der Automat der Geselligkeit
ist eingeschnappt.

Jetzt noch ein Weilchen und er schnappt
über! - Man möchte schrei'n.
Wie tragen nur diese Menschen ihr Los:
„Unter sich" zu sein.

Josef Weinheber (1892-1945)
Aus der Sammlung Die Muskete





Dienstag, 17. April 2018

unter blühenden Bäumen





unter blühenden Bäumen
eintauchen
in das Fließen des Lichts






(under flowering trees / immersing / into the flow of light)

Ramona Linke



 
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Foto: © Bernd Sterzl / pixelio.de




Montag, 16. April 2018

Nachtkino





Nachtkino
ganz nahe ihr Gesicht
kirschblütenhell




(night cinema / very close to her face / cherry-blossom-bright)

Gerd Börner



(Übersetzung: Silvia Kempen)
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Es ruhn im Meere Perlen hell und rein

Es ruh’n im Meere Peilen hell und rein;
Der Taucher sucht sie, trotzend der Gefahr,
Manch Fürstenkind tauscht sie für Schätze ein
Und schmückt damit sein duftgesalbtes Haar.

Doch eine sah ich, die mir reicher scheint,
Als alle Perlen einer Meeresflut:
Es war die Träne, die Du einst geweint,
Als Du zuerst an meiner Brust geruht.

Eduard Wissmann (1824-1899)
Aus der Sammlung Rote Blätter



Sonntag, 15. April 2018

Open-Air




Open-Air
die Choreographie
der Stare



(open air / the choreography / of starlings)
 
Eva Limbach
 
 
 
 
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Foto: © Waldili / pixelio.de
 
 
 
 

Samstag, 14. April 2018

Spinngewebe






Spinngewebe
im leichten Frühlingswind
voller Blütenstaub




(spider's web / in a light breeze of spring / full of pollen)

Klaus-Dieter Wirth




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Fühl ich morgens den Frühlingswind wehn

Fühl ich morgens den Frühlingswind wehn
Muß ich ihm mein Geheimnis gestehn.
Lausch ich mittags im Walde dem Bach —
Raunt mein heimlichstes Sehnen er wach.
Strahlt liebkosend der Abendstern mir —
Muß ich reden von ihm nur zu dir.
Doch wenn dich ich erblicke, mein Hort —
Kann ich sprechen kein einziges Wort!

Aus der Sammlung 1882